Lost in Translation - Changzhou 2006
Schmerztherapie
Jaime hat mich heute überredet, ihn in ein Massagestudio zu begleiten (Nein ein richtiges Massagesstudio, man behielt sogar alle Kleider an, nicht was ihr schon wieder denkt ;) ). Was jedoch als ruhiger, entspannender Abend geplant war endete in einem Fiasko. Scheinbar verstehen die Chinesen etwas anderes unter Massage als wir. Die Masseure kennen scheinbar an jedem Teil des menschlichen Körpers einen Punkt der höllisch wehtut wenn man drauf rumdrückt und haben uns das ca. eine Stunde lang bewiesen. Mir sind wirklich die Tränen in die Augen geschossen und Jaime hat sogar zweimal das Schreien angefangen (so ne Weichflöte ;) ). Wir konnten jedoch nicht herausfinden wofür das ganze gut war, ob es sich um eine medizinische Massage handelt oder ob sich Chinesen in ihrer Freizeit einfach gerne quälen lassen.

Mir tut jetzt jedoch alles weh und ich fühle mich keinen Deut besser. Wenigstens weiß ich wohin ich nie wieder gehen werde...
Hühnertod
Im Supermarkt gegenüber hat eine junge Dame heute abend an der Kasse eine unscheinbare schwarze Tüte neben mir abgestellte. Plötzlich begann diese Tüte zu gaggern und ein lebendies Huhn wollte sich befreifen. Die Dame griff dann beherzt in ihre Tüte und es war Ruhe... Vielleicht hat sie den Spokschen Griff angewendet und das Huhn betäubt oder... Man will es gar nicht wissen!
Shanghai
So, zurück aus Shanghai. Es war eigentlich als Treffen von verschiedenen Praktikanten (ca. 25) aus der Umgebung von Shanghai geplant, aber das offizielle Programm war einfach zu langweilig. Wir waren in einer „High-School“ einquartiert. Jaime und ich durften uns ein Zimmer mit drei chinesischen Schülern teilen. Einer von ihnen, nennen wir ihn passenderweise mal Steve Urkel, hatte es sich zur Aufgabe gemacht mich mit permanenten(!) Fragen über die deutsche Sprache und die deutsche Geschichte in den Wahnsinn zu treiben. Auch über meine Schlafgewohnheiten war er mehr als überrascht (in der Schule hier in China beginnt der Tag um 6 Uhr mit Morgengymnastik, würg!!!):
„Steve“: "Als ich heute morgen um sechs Uhr ins Zimmer geschaut habe, hast du immer noch geschlafen"
Ich: "Wie konnte das nur passieren ;) "
„Steve“: “Aber als ich heute um 11 wieder im Zimmer war, da hast du immer noch geschlafen"
Ich: "Ich fand das offizielle Morgenprogramm langweilig, da hab ich mich für's schlafen entschieden."
„Steve“: "Aha!"
(5 min. später)
„Steve“: "Ich habe gerade für dich nachgefragt, du hast heute morgen den Talentkurs Kaligraphie verschlafen.
Das klingt interessant, wieso bist du da nicht hingegangen"
Ich (genervt): "Hab kein Talent! Und außerdem einen tierischen Kater"
„Steve“: "Wieso trinkst du soviel Alkohol, jeder weiß, dass das nicht gut ist?"
Ich: "WAAAHHHH!!!!!"
Ich hab dann recht schnell zwei andere Deutsche (Phillip und Markus), einen Schweizer (Matt), eine Slovenin (Nina) und Jules, den Spanier kennengelernt. Wir haben dann beschlossen uns von der eigentlichen Gruppe abzusondern und Shanghai auf eigene Faust zu erkunden.
Man liest in Reiseführern immer Sätze wie „Kann man nicht beschreiben, muss man selbst erleben“, aber genau dies trifft auf Shanghai zu. Diese Stadt ist wirklich beeindruckend und man könnte wohl eine lange Zeit mit Erkunden dort verbringen. Wir waren auch auf der 270 Meter hohen Aussichtsplattform des Fernsehturms. Als ich zu Nina und Jules meinte: „Die Aussicht ist ja mehr als beeindruckend, aber muss das Ding denn so im Wind schwanken“ haben sich beide nicht mehr einbekommen vor Lachen und mir versichert, dass sich der Turm keinen mm bewegt. Bei mir hat's geschwankt, war ja auch verdammt hoch ;)
Ich hab's selten erlebt, dass sich Leute, die sich gerade erst 24 h kennen, auf Anhieb so gut verstehen wie wir, aber wir hatten wirklich eine großartige, superlustige Zeit zusammen. Abends sind wir dann durch das Kneipenviertel von Shanghai gezogen. Die Preise dort sind durchaus mit unseren zu vergleichen, also für Chinesen einfach wahnsinnig teuer. Nina wurde in dieser Nacht auch noch 30 (upps, das sollte ich eigentlich nicht verraten ;) ) und jeder von uns hat wohl ein ganzes chinesisches Jahresgehalt in dieser Nacht verzecht...

Am nächsten Tag haben wir dann noch die Altstadt von Shanghai erkundet und auch das Paulaner (hier ein Nobelrestaurant)entdeckt:

Komm ich jetzt in Fernsehen?
Heute kam der Bürgermeister von Changzhou bei uns in der Firma vorbei und mit ihm ein Troß von ca. 20 Leuten inklusive Kamerateam. Ich musste ihm dann kamerawirksam die Hand schütteln, wohl um zu symbolisieren, dass auch das Ausland tierisch auf diese Stadt abfährt... Was ihm jedoch sichtlich nicht so gut gefallen hat war das ich ichn nach dem Aufstehen um ca.1 ½ Köpfe überragt habe. Das einzige Problem war, dass ich den Kameramann hinter mir erstmal gar nicht bemerkt habe und fleißig weiter im Internet gesurft bin anstatt was zu arbeiten. Ich war dann abends wohl in den Lokalnachrichten zu sehen, ich hoffe das sie meine Internetsurferei rausgeschnitten haben, sonst gibt’s Mecker von George, meinem Boss ;)
Berichtigung
Ok, ok ich nehm alles zurück. Suzhou ist wirklich eine sehr schöne Stadt. Man merkt das hier viel Geld vorhanden ist, es ist sehr sauber und im guten Zustand und die Innenstadt sehenswert. Wir haben einen buddhistischen Tempel inkl. Mönchen und hoher Pagode und einen berühmten chinesischen Garten besucht. Beides mehr als beeindruckend.


Auf der Rückfahrt hat es Jaime (das Schlafmonster) doch tatsächlich geschafft im Zug schlafend vom Sitz zu fallen und mit der Nase aufzuschlagen. Zum Glück ist ihm nichts passiert, er hat jedoch zur Belustigung des ganzen Zuges ( und natürlich auch meiner ;) ) beigetragen.
A.d.W.
Komme gerade von einer größeren Erkundungstour aus Changzhou zurück. Diese Stadt ist einfach unglaublich, unglaublich hässlich (selbst für jemanden der aus Schweinfurt kommt ;) )! Man könnte sagen, die Umstrukturierung der ländlichen Region hin zu einer westlich geprägten Industriestadt ist noch nicht in vollem Maße abgeschlossen oder einfach: Dies ist der Arsch der Welt. Aber das machte den Erkundungstrip umso interessanter, schöne Städte kenn ich ja aus Europa schon reichlich. Man weiß einfach nie was einem nach der nächsten Ecke erwartet.
Hab in der ganzen Woche noch keinen anderen nicht-Asiaten getroffen. An das ständige angestarrt werden hab ich mich mittlerweile ganz gut gewöhnt, auch mein Versuch es mit einer Ray-Ban (englisch für extrem gutaussehende Sonnenbrille) zu mindern ist leider fehlgeschlagen, ich glaub es liegt einfach an den blonden Haaren. Jaime (mit schwarzen Haaren) wird wenn er alleine unterwegs ist viel weniger beachtet. A propos Jaime: Er ist gestern um 21:30 müde ins Bett gegangen und ist bis jetzt 17:15 noch nicht aufgestanden, das ist schon ne Leistung. Hoffentlich wacht er noch auf, ich hab keine Lust der Polizei zu erklären warum bei mir im Nebenzimmer ein toter Spanier liegt. (Update 19:15: Er ist auferstanden!) Vielleicht ist ihm auch der Hundedarm nicht gut bekommen. Meinem Magen geht’s immer noch prima, ich glaub die hygienischen Zustände im Studentenwohnheim Alexandrinum haben mich einfach abgehärtet. Morgen geht’s mit dem Zug wahrscheinlich nach Suzhou, eine Stadt ca. 100 km entfernt. Angeblich sehr reich und sehr schön. Es wird auch das Venedig des Ostens genannt, vermutlich hat es auch einige Eigenschaften von Venedig: Halb abgesoffen und fürchterlich stinkend :) . duckundwech!
Mir ist so schlecht!
Neeiiinnn! Ich hab's getan. Ich hab in China etwas gegessen wovon ich nicht wusste was es ist. War heute nach der Arbeit mit Jaime, dem spanischem Praktikanten, in einem kleinen Restaurant in der Stadt. Da natürlich keiner Englisch sprach (Business as usual) hab ich uns durch deuten auf ein Essen einfach mal was bestellt. Wie sich herausstellte handelte es sich um gebratenen Darm, der an sich eigentlich gar nicht so schlimm geschmeckt hat. Leider (oder vielleicht doch eher zum Glück) konnten wir nicht herausfinden von welchem Tier. Die Geste die der Kellner machte sah jedoch schwer nach Hund aus (oder hecheln und bellen Kühe oder Schweine auch??). Ich kann doch nicht... Ich hab doch nicht.... Oh mein Gott: Ich hab Lassy gegessen :(
Wo wir gerade beim Essen sind: Im nahen Großsupermarkt, der ansonsten durchaus mit Marktkauf oder Handelshof zu vergleichen ist, gibt es eine chinesische „Spezialitätenabteilung“. Eigentlich ist es eher mit einer Zoohandlung zu vergleichen, denn alles lebt noch. Neben normalen Sachen wie Fischen (die jedoch zum Teil schon an der Wasseroberfläche schwammen), bekommt man so gut wie jede Form von Krabben, Krebsen, Muscheln, Garnelen, Hummer (Insider für die Schweinfurter: Horst in allen Größen) und Frösche(!). Mein Vorschlag uns einen Frosch zu holen und ihn als Haustier in unserer eh nie benutzten Badewanne zu halten kam bei Jaime überraschend gut an.
Chinesisches Bier
Heute hat mich mein direkter Vorgesetzter, Mr. Gao nach der Arbeit auf „ein“ Bier in ein chinesisches Restaurant eingeladen. Aber man sollte wohl die Gastfreundschaft der Chinesen nicht unterschätzen und vor allem nicht deren Trinkfreudigkeit. Schon bei der ersten Bestellung hat er gleich mal 6 Bier geordert (0,585 liter Flaschen!!!) und dazu noch die halbe Speisekarte, als kleinen „Snack“ (siehe Bild). Bis jetzt kann ich nur sagen, dass das Essen in China wirklich vorzüglich ist, hab bis jetzt noch nicht einmal schlecht gegessen (sogar nicht in der Firmenkantine, wenn man das mal mit der Erlanger Mensa vergleicht...). Obwohl Mr. Gao sehr schlecht Englisch spricht war es trotzdem übelste lustig, lange nicht mehr so viel gelacht. Er hat noch unzählige Male Bier nachbestellt und war von der Trinkfestigkeit der Deutschen mehr als beeindruckt. Irgendwann hat er dann nach einer kleinen Pause verlangt, er müsse das ganze Bier erstmal sacken lassen. Pause gab's aber nicht, wenn schon saufen dann richtig ;). Zu fortgeschrittener Stunde war er so erfreut über seinen neuen deutschen Freund, dass er seine halbe Familie angerufen hat und ich zum Beweis immer freundlich „Hello, how you're doing“ ins Telefon sagen musste. Da sich im Moment ja jeder in China einen Englischen Namen verschafft haben wir ihn an diesem Abend Quentin (Muhahaha!) getauft. Am nächsten Morgen hat er das gleich in der Firma verbreitet und auf der Firmenhomepage eingetragen.


Zu hart hier alles!
Oh mein Gott: Lost in Translation – Part 1: War heute in einem Elektronikmarkt um mir eine Prepaid Karte fürs Handy zu zulegen. Die Verkäuferin war zwar sehr bemüht aber sprach so gut wie überhaupt kein Englisch und wenn dann nur wenn man es ihr aufgeschrieben hat. Irgendwann war mir das zu nervig, da ich ihr nicht beibringen konnte was ich will und hab auf einen Zettel geschrieben: „I will come back with a chinese friend“, um klar zumachen das ich einen Übersetzer mitbringe. Als ich ihr denn Zettel gezeigt habe hat sie einen hochroten Kopf bekommen und ist lächelnd und kichernd abgedampft. Hä, watt war das denn ???????. Als ich gerade gehen wollte stürmte ein anderer Verkäufer auf mich zu, der halbwegs gut Englisch konnte. Nachdem das mit dem Handy geklärt war hat er mich angegrinst und gefragt ob ich eine chinesische Freundin suchen würde. Wie er darauf komme, hab ich ihn gefragt. Er meinte die erste Verkäuferin habe ihm erzählt ich hätte ihr gesagt, dass ich mit einer chinesischen Freundin zurückkehren möchte (also in die Heimat). I WILL COME BACK WITH CHINESE FRIEND (!), na ja mit viel Phantasie und mangelnden Englischkenntnissen... Auf jeden Fall hatte ich dann den hochroten Kopf und werde mich wohl nicht mehr trauen dieses Geschäft so schnell noch mal zu betreten ;)
Aber es blieb kurios: Als ich mich abends in eine recht stylische Bar mit Restaurant gesetzt habe, musste ich keine 15 min. warten und schon gesellten sich eine nette chinesische Englischstudentin und ihr komischer Bekannter der „Businessman“, der jedoch kein Wort Englisch sprach. Die arme Studentin musste permanent für ihn übersetzen. Er sei ein Manager und habe ein Auto (wow, wieso haut mich das bloß nicht vom Sockel). Er hätte gerne das wir beide Freunde werden (wortwörtlich: He wants you to be his friend! Warmer Bruder oder was?), ich soll ihm doch Englisch beibringen (wieso fragt er da eigentlich nicht seine Englisch-studierende Bekannte?). Im Gegenzug würde er mir Changzhou und Shanghai zeigen. Und wenn er dann nach meinem „Intensivcrashkurs“ perfekt Englisch spricht (*hüstel*) möchte er nach Europa kommen und dort ein erfolgreicher Geschäftsmann werden (Natürlich, auf dich haben sie gerade gewartet). Er würde dann auch gerne Deutschland besuchen, dann könnte ich ihm meiner Familie vorstellen (klar, wir haben ja sonst nix zu tun). Komischer Kauz! Hab mal freundlich seine Telefonnummer angenommen aber meine nicht rausgerückt, da hat er dann etwas verstimmt geschaut, aber: Mir doch egal!
Als er dann endlich kapiert hat, dass das Interesse für eine Freundschaft wohl eher einseitig war, und verduftete, konnte ich mich endlich in Ruhe mit der Englischstudentin, unterhalten. War wirklich sehr lustig, sie ist mit ihren 22 schon fast eine „Langzeitstudentin“ in China. Sie ist wohl öfters in der Bar und will mir das nächste mal das chinesische Essen und das essen mit Stäbchen näher bringen, mal schaun ob ich dafür nicht zu grobmotorisch bin... Hoffentlich fühlt sich der „Businessman“ nicht auch eingeladen.
Erster Eindruck
Dieser vielleicht etwas kritisch formulierte erste Eindruck soll nicht darüber hinweg täuschen, dass es mir bis jetzt viel Spaß hier macht. Genau diese kulturellen Unterschiede machen das Leben hier ja so interessant und selbst ein einfacher Stadtbummel wird zur Entdeckungsreise:
Sofort nach dem Verlassen des Flughafens in Shanghai trifft es einen wie einen Schlag, eine unglaublich drückende Hitze im Moment. Ich bin ja normalerweise nicht sehr temperaturempflindlich und hab auch den Jahrhundertsommer vor ein paar Jahren noch als angenehm empfunden, aber dieses schwüle, fast schon tropische Klima raubt einem komplett die Luft.
Mit dem Bus ging es dann gut anderthalb Stunden Richtung Bahnhof durch fast die gesamte Stadt. Man kennt zwar die Bilder der tollen Skyline von Shanghai, jedoch ist der größte Teil der Stadt geprägt durch tristen, sozialistischen Einheitsbau geprägt. Gleichartige, zum Teil stark verfallene, Hochhäuser stehen gleich zu Dutzenden in Gruppen herum. Am Bahnhof angekommen erlebt ich zum ersten Mal China „live“. Der Chinese an sich ist vor allem eins: Laut (!). Egal ob im Zug oder in der Stadt, es ist ein permanentes Gewusel und Geschrei, Menschen wohin man schaut. Mit seiner Art zu argumentieren deklassiert der Chinese selbst die ansonsten so redseligen und gestikulierenden Italiener zu einem stillschweigenden Pantomimen, Respekt! In einer sogenannten „Waiting Lounge“ des Bahnhofes saßen mehrere Hundert Chinesen zusammengepfercht wie die Hühner auf der Stange. Betritt man als Ausländer den Raum wird man von Blicken nur so durchbohrt. Überhaupt wird man als Ausländer in China permanent beobachtet und auf der Straße angestarrt, vor allem im provinziellen Changzhou drehen sich die Leute um oder bleiben stehen wenn sie einen entdecken. Wenn man sie dann noch mit einem freundlichen „Nihau“ begrüßt grinsen sie über beide Ohren und freuen sich des Lebens ;)
Mit der Bahn ging es dann 2 Stunden von Shanghai aus weiter nach Changzhou, dem Ort meines Praktikums. In der chinesischen Holzklasse mit dem Zug zu reisen kann man wohl ungefähr mit einem osteuropäischen Tiertransport vergleichen. Ohne eine Reservierung (und wer kennt schon das chinesische Wort für Reservierung ;) ) hat man Premiumanspruch auf einen Stehplatz und auf einen Überlebensraum der nach den Tierschutz-Konventionen wohl unter dem Mindestmaß für eine gemeine Legehenne liegt. Trotzdem ist die Stimmung bestens, der ganze Zug grölt und lacht, nur irgendso ein komischer, blondhaariger Ausländer steht verschwitzt und genervt mit seinem Treckingrucksack dazwischen und schaut einen schon böse an bloß weil man ihm mal harmlos und feucht ohne die Hand vorzuhalten in den Nacken niest ;). Zumindest konnte ich mich zum Fenster durchkämpfen und so die Landschaft beobachten. Auch auf dem Lande wird überall gebaut, die neuen Häuser sehen unseren sehr ähnlich. Man sieht jedoch auch viele verkommene Viertel und verfallene Industrieruinen. Der Müll wird scheinbar öfters auf einem Fußballfeld-großen Platz gesammelt und bei ausreichender Menge einfach angezündet. Ohne Hilfe in China zu reisen ist schon spannend, alle Schilder oder Fahrpläne, selbst bei den überregionalen Zügen, sind in chinesischen Schriftzeichen gehalten. Die älteren Leute sprechen so gut wie nie, bei den jüngeren auch nur eine Minderheit ein paar Brocken Englisch.
Mein Chef George ( der sich selbst dem Trend folgend einen zweiten, amerikanischen Vornamen zugelegt hat ) holte mich persönlich vom Bahnhof ab und brachte mich zu meiner Wohnung. Diese liegt in einem gehobenen, eingezäuntem Viertel der Stadt, mit privatem Wachdienst und so weiter. Ich war schwer beeindruckt, groß, eigene Klimaanlage, zwei Balkone, Fernseher und auch sonst gut in schuß. Die Wohnung wird sich in den nächsten Wochen zu einer Praktikanten-WG entwickeln, insgesamt noch drei Leute aus Europa werden nach und nach eintrudeln. Könnte ja ganz lustig werden in unserer „l'auberge chinois“. Nach der guten alten „first come – first served“ Regel hab ich mir dann gleich mal das größte Zimmer gesichert.
Das chinesische Fernsehprogramm kann man als Ausländer getrost vergessen, man bekommt zwar 30 Kanäle, davon ist jedoch nur einer in Englisch, ein staatlicher "Nachrichtensender". Aber: wir sind ja eh nicht zum fernschauen hier, zumindest kann ich jedoch die letzten WM-Spiele verfolgen und mich an der herrlichen Aussprache der internationalen Namen durch den chinesischen Moderator erfreuen (vor allem sein Zinedine Zidane ist ein Kracher :) ). Berauscht von dem Erfolg der deutschen Mannschaft gegen Argentinien hab ich mir gleich mal ein „original“ deutsches Trikot in einem Geschäft für umgerechnet 4,50 € gekauft.
Georg lud mich am Tage meiner Ankunft zusammen mit Professor Lu (angeblich ein international hoch angesehener Wissenschaftler der jedoch kein Wort englisch spricht, hää???) in ein gehobenes chinesisches Restaurant ein. Das Essen war wirklich hervorragend, ganz andere Geschmacksrichtungen als bei uns, da wird zum Beispiel süßes und salziges bei Gebäck kombiniert. Aber wirklich gut und bisher sind noch alle Immodium Akut Packungen unversehrt (auf Holz klopf). Rülpsen und Schlürfen bei Tisch ist nicht nur erlaubt sondern eher die Regel. Ich wollte den Herrn Professor schon als Ferkel titulieren als er durch heftige Magenwinde das Ende seiner Suppe ankündigte, jedoch schien das außer mir keinen im Restaurant zu stören.
Auto fahren in China hat ebenfalls seien Tücken. Und ich dachte schon die Innenstadt von Rom wäre diesbezüglich die Hölle. Grundsätzlich gilt das Recht des Stärkeren und Schilder und Straßenmarkierungen dienen eher zur Verzierung der Landschaft. Die Hupe wird permanent und kaum zum Warnen bei Gefahren eingesetzt sondern ist eher als Kommunikationsmittel zu sehen. Sie kann unter anderem bedeuten „Achtung, ich überhole jetzt“, „Du hast zwar Vorfahrt aber ich fahr trotzdem zuerst (ätsch!)“ aber am beliebtesten ist wohl der alltime-Klassiker „Mach Platz du Ars...“. Aber ich glaub genau in diesem Abschnitt kommt der Deutsche in mir durch, es muss ja schließlich alles seine Ordnung haben ;)
Aber wie schon gesagt, bis jetzt sehr interessant und spaßig, freu mich schon auf die nächsten Wochen.
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